IAA

2019-09-20 Magility auf der IAA – Neues aus der Automobilszene

In Frankfurt am Main fand dieses Jahr vom 12. bis 22. September wieder die Internationale Automobilausstellung “IAA” statt. Die IAA, deren Geschichte bis in das Jahr 1897 zurückreicht, ist bis heute eine der bedeutendsten internationalen Automobil-Fachmessen. Auch in diesem Jahr stellten zahlreiche OEM und Zulieferer ihre Innovationen vor, allerdings blieben einige wichtige Aussteller der IAA in diesem Jahr erstmals fern, so zum Beispiel Citroen und Peugeot, Fiat, Nissan, Tesla, Toyota sowie Volvo.

Auch die Besucherzahl ging dramatisch zurück. 2015 lockte die IAA noch rund 932.000 Besucher in die Hallen der Frankfurter Messe, in diesem Jahr wurden nur rund 560.000 Messebesucher gezählt. Diese konnten sich wie gewohnt wieder aktuelle Modelle mit klassischem Verbrennungsmotor ansehen, der Fokus der Aussteller lag in diesem Jahr aber deutlich auf Fahrzeugen mit E-Antrieb. 

Die alte Schule der Automobilität geht weiter

Auf der IAA wird allen Automobil-Enthusiasten das volle Programm geboten. Es gibt Fahrsimulatoren für Rallye und Formel 1 sowie das dazugehörige Merchandising. Offroader laden zur Mitfahrt über einen Parkour ein. Eine ganze Halle widmet sich, mit der angegliederten MOTORWORLD, historischen Fahrzeugen. Die Messebesucher konnten dort einige der wertvollsten Oldtimer der Welt bestaunen oder gar erwerben. Im Mittelpunkt bei den Neuvorstellungen mit konventionellem Antrieb stand Land Rover mit dem neuen Defender, einem Geländewagen, der zum ersten Mal seit 68 Jahren komplett neu entwickelt wurde. Der Defender ist nun ein modernes Auto mit Allradantrieb, das sich ähnlich wie die G-Klasse an einer großen Tradition messen lassen muss. Zu den Neuvorstellungen zählten auch die SUV-Coupés X6 von BMW oder der GLE von Mercedes. 

Die E-Mobilität ist auf der IAA angekommen

Gemäß dem diesjährigen Messemotto “Driving Tomorrow” lag der Fokus der Aussteller in diesem Jahr auf neuen Modellen, die den Wandel hin zu einer energieeffizienten und deutlich schadstoffärmeren Welt mitvollziehen sollen. Dies zeigte sich in zahlreichen Neuvorstellungen von Elektrofahrzeugen. So präsentierte Mercedes-Benz seinen E-SUV EQC, den elektrifizierten Van EQV und gab mit der Studie Vision EQS einen Ausblick auf die kommende Elektroversion der S-Klasse. Porsche stellte seinen lang erwarteten Elektroflitzer Taycan vor. Dieser 4-türige Sportwagen ist eine echte Konkurrenz zum Teslas Model S. Volkswagen sorgte mit der Vorstellung des ID.3 für große Überraschung. Das Elektrofahrzeug in der Golfklasse wirbt mit einer Reichweite von 330-550 Kilometern, einer Leistung von 150-204 PS und soll mit einem Preisgefüge zwischen 30-45 Tausend Euro die E-Mobilität demokratisieren und massentauglich machen.

Politische Veränderungen und Proteste

Die neuen E-Fahrzeuge sind Zeichen großer Umbrüche in der Automobilindustrie. Denn in Zeiten des Klimawandels wächst der öffentliche und politische Druck auf die Hersteller enorm. Rund um die IAA 2019 versammelten sich tausende Demonstranten, welche mit Demonstrationen autofreie Innenstädte, ein Verbot von SUVs oder eine grüne Wende in der Automobilindustrie forderten. Zeitweise waren die Eingänge zum Messegelände durch die Demonstranten blockiert. Daher waren für die IAA in diesem Jahr deutlich schärfere Sicherheitsvorkehrungen notwendig als in der Vergangenheit. Die diesjährige IAA wurde zusätzlich überschattet vom zu diesem Zeitpunkt unerwarteten Rücktritt Bernhard Mattes vom Amt des Präsidenten des Verbands der Automobilindustrie (VDA), der seit vielen Jahren als Hauptsponsor der IAA auftritt. Der Rücktritt von Mattes, einige Stunden nach seinem gemeinsamen Auftritt mit Bundeskanzlerin Merkel zur Eröffnung der IAA, wird vielfach als Reflex auf die aktuellen politischen Herausforderungen für die Automobilindustrie gedeutet, die in den Augen der Verbandsmitglieder eine stärkere Interessenvertretung mit deutlicher wahrnehmbaren Initiativen notwendig machen. Aufgrund der geschilderten Schwierigkeiten ist auch die IAA selbst, in ihrer heutigen Form, in die Diskussion geraten. Die FAZ spricht in diesem Zusammenhang von einem Scherbenhaufen der Automobilbranche. 

Die Zulieferer bringen die Innovationen

Trotz Gewinnwarnungen und einem deutlichen Rückgang bei Bestellungen, ist die Innovationskraft der Zulieferer besonders gefragt. Durch E-Mobility, Connectivity und Autonomous Driving steigen die Anforderungen an die Zulieferer, welche mitten in einer abkühlenden Konjunktur große Investitionen für den digitalen Wandel stemmen müssen. Schaeffler kündigt Kurzarbeit an, Bosch und Continental denken öffentlich über Stellenabbau und Werksschließungen nach. Im ersten Halbjahr 2019 sanken die weltweiten Autoverkäufe um 5%, was sich auch auf die Zulieferer auswirkt, und deren Zukunftsaussichten ungewisser werden lässt. Auf den Messeständen ist von diesen Schwierigkeiten wenig zu spüren, die Zulieferer nehmen deutlich mehr Raum ein als in der Vergangenheit. ZF etwa präsentierte, in gläsernen Prototypen verbaut, seine neuesten Technologien zum autonomen Fahren, Webasto veranschaulichte, wie sich Sensoren unauffällig in ein Autodach integrieren lassen und EDAG BFFT präsentierte ein Touchdisplay, das haptisches Feedback geben kann. Der Fokus der Zulieferer lag überwiegend auf der Steigerung von Effizienz und Nachhaltigkeit. Der VDA strebt eine weitgehende Entkarbonisierung der deutschen Automobilindustrie bis 2050 an. Vor diesem Hintergrund spricht der CEO von Continental, Elmar Degenhart, von nie dagewesenen Herausforderungen für die Industrie.

Alternativprogramm zur IAA auf der MeConvention

Parallel zur ersten IAA Woche fand in Halle 1 der Frankfurter Messe die MeConvention statt. 2017 wurde die MeConvention von Mercedes-Benz in Kooperation mit SXSW 2017 ins Leben gerufen und wird seither in 2-jährigem Rhythmus veranstaltet. Ein relativ junges Publikum kam dort zusammen, um die drängendsten Fragen unserer Zeit zu diskutieren: Künstliche Intelligenz, Smart Cities, Smart Farming, E-Health und nachhaltige Mobilität. Die völlige Abwesenheit von Autos auf dieser Veranstaltung fiel auf, der einzige Mercedes-Stern während der dreitägigen Veranstaltung war am Revers von Daimler Vorstandschef Ola Källenius  zu finden, der auf großer Bühne mit dem Vorsitzenden der Grünen, Robert Habeck, die nachhaltige Erneuerung der Automobilindustrie diskutierte. Die beiden waren sich im Gespräch überraschend einig, auch wenn der Politiker noch mehr Mut und Geschwindigkeit in der Umsetzung forderte. Källenius war es dann auch, der tapfer gute Stimmung verbreitete. “Hätte Mercedes nicht bereits vor vier Jahren Nachhaltigkeit als neuen Unternehmensgrundwert festgelegt, dann würde es die jüngst vorgestellten E-Fahrzeuge ja gar nicht geben”, so der frischgebackene Vorstandsvorsitzende. Dass die Branche vor Umbrüchen steht, induziert von der Digitalisierung, zeigt ein weiteres Detail: die IAA Conference war dieses Jahr “powered by Facebook”.

Der Umbruch der Automobilindustrie

Die Automobilindustrie befindet sich aktuell in einem massiven Umbruch – die IAA ist nur ein Symptom dafür. Die OEM sind aktuell immer noch in der Entwicklung von Fahrzeugtypen und Antriebsarten verhaftet. Durch die Konnektivität der Fahrzeuge wird aber, auf höherer Ebene, software- und datenbasiertes Flottenmanagement zunehmend einer der kritischen Erfolgsfaktoren, wie Uber, Google und andere dies bereits anbieten. Vielen OEM fehlen derzeit jedoch die notwendigen Software-Fähigkeiten und -Kapazitäten, um das Defizit in dem sie sich gegenüber den neuen Mobilitätsanbieter befinden, zeitnah auszugleichen. Das Rennen gegen IT-, Internet- und Telekommunikations-Industrien hat nicht erst begonnen, sondern ist in vollem Gange, mit ungewissem Ausgang für die Automobilindustrie.

Was die Zukunft der IAA angeht, so ist eine grundsätzliche Neuausrichtung angezeigt: Weg vom Schwerpunkt Autoshow hin zum Forum für ganzheitliche Mobilitätskonzepte. Ansätze hierfür sind bereits da. Ein Abgesang auf die IAA erscheint uns von magility deshalb unangebracht.

Die Ungewissheit über die zukünftige Ausrichtung des Zielmarkts der Automobilindustrie ist zur Zeit mindestens so groß wie der Innovationsdruck. Wie gehen Sie in Ihrem Unternehmen mit diesem Zielkonflikt um? Nehmen Sie gerne mit uns Kontakt auf für einen fachlichen Austausch.